Am Ende gewinnen die Guten. Angesichts der Weltlage wirkt dieser Satz wie aus der Zeit gefallen. Aktuell liegen die Schurken klar in Führung – die Lauten, die Rücksichtslosen und diejenigen, die Menschlichkeit für Schwäche halten. Doch es gibt Hoffnungsträger. Zu ihnen gehört ein vielsprachiger Hüne mit freundlichem Blick und ruhiger Stimme. Statt Maßanzug trägt er Hoodie und Baggypants. Am Samstag steht Vincent Kompany (40) mit seiner Mannschaft im DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart. Er ist weitaus mehr als der Trainer des FC Bayern München. Besonders in seiner zweiten Saison in München hat er Fußball-Deutschland vermenschlicht, befriedet und mit seiner Aura fasziniert. Selbst Fans anderer Vereine lieben ihn. Und auch der mächtige Onkel des gegnerischen Trainers gibt ihm seinen Segen.

„Ich bin Fußball-Trainer, kein Lifecoach“

Es ist Mitte April. Vincent Kompany hat mit seinem Team Rekordsieger Real Madrid aus der UEFA Champions League eliminiert. Auf der internationalen Pressekonferenz fragt ihn ein Reporter nach seiner Message an alle, die aus ähnlichen Verhältnissen stammen wie er und zu ihm aufschauen. „Ich bin Fußball-Trainer, kein Lifecoach“, stellt Kompany klar. Um dann doch zu antworten: „Ich sage meinen Spielern immer: Glaubt nicht dem Hype, aber glaubt auch nicht dem Drama.“ Fragen und Antworten wie diese sind keine Seltenheit, wenn Vincent Kompany öffentlich spricht. Häufig sind Fußball-Pressekonferenzen von Floskeln getragene Pflichtveranstaltungen. Unter Kompany entwickeln sie sich bisweilen zu Mini-Vorlesungen in fließendem Deutsch, Englisch, Französisch und Flämisch über Verantwortung, Führung und Menschlichkeit. Selbst abgebrühte Reporter hängen an seinen Lippen. Das ist mehr als bemerkenswert. Gerade in diesem Geschäft.

Lust auf Möglichkeiten statt Angst vor Fehlern

Der Fußball gehörte in den vergangenen Jahren den Skeptikern. Die Vorsichtigen, die Rechner unter den Trainern wurden dafür gefeiert, Risiken zu minimieren. Kompany, als Fußballer ein beinharter Verteidiger, steht für das Gegenteil. Seine Bayern greifen an, pressen hoch, lassen Freiheiten zu. Im Zentrum steht nicht die Angst vor Fehlern, sondern die Lust auf Möglichkeiten. Mit 122 erzielten Toren stellt Kompanys Team in dieser Saison einen neuen Torrekord auf. Die 4:5-Niederlage im Champions-League-Halbfinale gegen Paris St. Germain gilt unter Fans als eines der besten Spiele der Geschichte. Wäre da nicht das Bayern-Aus im Rückspiel am 6. Mai.

Kurzzeitig meldet sich damals die menschliche Sehnsucht nach Kontrolle zurück. Kritiker, die Kompanys Fußball-Philosophie für zu offensiv und anfällig halten, haben für einen Moment wieder das Sagen: „In den vier Spielen vor dem Rückspiel gegen Paris haben sie dreizehn Gegentore bekommen. Wenn in diesem System Kontrolle und Balance verloren gehen, dann sieht man schnell, wie anfällig es sein kann. (…) Dann geht das ruckzuck nach hinten los“, so Torwart-„Titan“ Oliver Kahn (56) am 7. Mai bei Sky. Der Vorwurf: Kompanys Auffassung vom Fußball sei zu naiv. Ist Kompany zu naiv? Wie viel Vertrauen ins Gute kann er sich leisten, ohne zu scheitern?

Karriere-Chancen bei „nullkommanull Prozent“

Eine Antwort gibt der Blick auf Kompanys beeindruckende Biografie. Vincent Jean Mpoy Kompany wächst in einem Sozialbaugebiet im Brüsseler Norden auf. Ein Ort, an dem Märchen eher enden als beginnen. Sein Vater Pierre (78) flieht 1975 aus politischen Gründen aus dem Kongo nach Belgien. Er arbeitet als Taxifahrer, studiert Ingenieurwesen. Mit Kompanys Mutter Jocelyne, die 2007 starb, bringt er den kleinen Vincent und seine beiden Geschwister Christel und Francois unter Mühen durch. Später steigt Pierre Kompany zum ersten Schwarzen Bürgermeister Belgiens auf und sitzt heute in der belgischen Abgeordnetenkammer. Mit „nullkommanull Prozent“ beziffert Kompany bei einer Pressekonferenz seine Chancen auf eine Karriere als Fußball-Profi und Trainer des großen FC Bayern München. Dass er es trotz seiner Herkunft so weit gebracht hat, erklärt vielleicht seine Haltung und seinen Fußballstil. Wer selbst erlebt hat, wie unwahrscheinlich Aufstieg sein kann, denkt anders über Risiko, über Vertrauen und über Menschen.

Vom Fußball-Lehrer zum Lehrer des Lebens

Das zeigt sich in jener inzwischen legendären Pressekonferenz vom 20. Februar, in der Kompany über Rassismus spricht. Anfangs äußert er sich zu rassistischen Ausschreitungen gegen Real-Madrid-Star Vinicius Jr. (25). Dann legt er analytisch-ruhig und unmissverständlich dar, welche Anfeindungen er und sein Vater erdulden mussten. Die Pressekonferenz gilt als Blaupause eines authentischen Statements gegen Rassismus aus Sicht eines Betroffenen. In der Pause des Rückspiels gegen Real Madrid bedankt sich Vinicius Jr., immerhin Star des gegnerischen Teams, mit einer Umarmung bei Vincent Kompany. Ex-Freiburg-Trainer Christian Streich (60), eine moralische Instanz des deutschen Fußballs, lobt Kompany für dessen Ausführungen: „Du hast für uns alle die Türen offen gelassen und gesagt, dass wir im Gespräch bleiben sollen.“ Ob er will oder nicht: Kompanys Aufstieg vom Fußball-Lehrer zum Lehrer des Lebens ist längst vollzogen.

Kompany hat den Segen der Granden

Wenn Fans seine Faszination beschreiben, benutzen sie am häufigsten das Wort „Aura“. Kompany hat die Aura des großen Bruders, der einem den Arm auf die Schulter legt und Mut zuspricht. Die Aura des ehemaligen Weltklassespielers, der im Fußball und im Leben alles gesehen hat. Mit seiner Aura betritt er in Hoodie und Baggypants den Platz und kreiert damit Modetrends. Mit seiner fast schon buddhistischen Ruhe hat er den meist erfolgreichen, aber oft aufgewühlten FC Bayern befriedet und dessen internationale Beliebtheit gesteigert. Eine solch ganzheitliche Wirkung auf einen Club strahlte zuletzt Jürgen Klopp (58) beim FC Liverpool aus. Angesichts seiner Erfolge kommen auch Granden des Vereins nicht umhin, dem Aura-Meister den Segen zu erteilen – zuvorderst Uli Hoeneß (74): „Man sieht: Wenn der Trainer und die Mannschaft eine Einheit bilden, kann man viel erreichen.“ Karl-Heinz Rummenigge (70) bezeichnet die Trainer-Entscheidung für Kompany als „eine Wahl, die den FC Bayern sehr glücklich macht“.

Vergessen ist die Zeit, als Kompany als vierte Wahl und eher aus der Not heraus zum Bayern-Trainer gekürt wurde. Kompany ist das Gesicht des FC Bayern und regiert mit ruhiger Hand, getragen von seiner Familie und den Fans. Doch was, wenn der VfB Stuttgart das Pokalfinale gewinnt? Sebastian Hoeneß (44), Trainer der Schwaben und Neffe des mächtigen Uli Hoeneß, verkörpert, wie Vincent Kompany, das Bild des neuen Trainers. Auch er behandelt das Spiel und sein Team nicht wie ein Feldherr, sondern wie ein Menschenführer. Egal, wer am Samstagabend den Pokal in den Berliner Himmel stemmt: Vielleicht erzählt dieses Finale vor allem eine andere Geschichte. Dass Haltung wieder Wirkung zeigt. Dass Freundlichkeit nicht Schwäche bedeutet. Und dass am Ende doch die Guten gewinnen. Auch im Hoodie und ohne Heiligenschein.

(jök/spot)

Bild: Vincent Kompany hatte in dieser Saison jede Menge Grund zum Jubeln. / Quelle: imago/Depositphotos / operations@newsimages.co.uk