Richard David Precht (61) trauert um ein Familienmitglied. „Mein Vater ist in der vergangenen Woche gestorben“, sagte der Philosoph in der neuen Folge des Podcasts „Lanz + Precht“. Sein Vater wurde 93 Jahre alt.

Dem Tod ging ein langer Abschied voraus. Über „viele, viele Monate eines sehr, sehr langen Sterbensprozesses“ hätten Vater und Sohn sich noch über alles austauschen können, erzählte Precht seinem Gesprächspartner Markus Lanz. Zwar sei der Vater dement gewesen und habe nicht mehr gewusst, was er morgens gegessen habe. Er habe aber „taghelles Bewusstsein bis zum Schluss“ gehabt, seine Situation gekannt und jeden Satz verstanden.

Trauer „hat mit einem selbst zu tun“

Lanz wollte wissen, wie Precht mit Tod und Abschied umgeht. Die Trauer in einem solchen Moment habe wohl mehr mit einem selbst zu tun als mit dem geliebten Menschen, der gegangen sei, antwortete der Philosoph. Sein Vater habe ein erfülltes und aufgeräumtes Leben geführt.

„Mein Vater hatte keine Feinde, sein Leben lang nicht“, erzählte Precht. Fast alle schlechten menschlichen Eigenschaften seien ihm fremd gewesen. Er sei weder neidisch noch eifersüchtig gewesen und habe nie die erste Geige spielen wollen. „Ich kenn niemand, der meinen Vater nicht gemocht hat“, sagte Precht. Deshalb sei er auch „in Frieden mit sich und im Frieden mit der Welt“ gegangen.

„Traurig, aber nicht tragisch“

Sterbe ein geliebter Mensch mit 93 Jahren, sei das nicht tragisch, findet Precht. „Dann ist es traurig, aber es ist nicht traurig für denjenigen, der geht.“ Traurig sei es vor allem für die Hinterbliebenen, die sich in gewisser Weise selbst leidtäten. Das sei ein völlig normales Gefühl. Wer beides auseinanderhalten könne, verarbeite den Abschied etwas leichter.

Lanz erklärte, dass Prechts Vater Industriedesigner war, und kam auf dessen Leidenschaft fürs Schreiben zu sprechen. Der Moderator erinnerte daran, dass Precht einst beschrieben habe, dass sein Vater stundenlang ein Schaf betrachten konnte. Er habe Reisetagebücher geführt und über alles geschrieben, was ihn interessierte, von marokkanischen Kanaldeckeln bis zum Bau eines Damms in Dänemark im 19. Jahrhundert. „Veröffentlicht hat er in seinem ganzen Leben nichts. Wozu auch?“ Im Podcast erläuterte Precht: „Er musste nicht davon leben und er war froh, dass er nicht davon leben musste.“ Es sei ein Bereich gewesen, wo niemand seinem Vater reingeredet habe.

Die Fähigkeit, sich lange in Dinge zu versenken, sieht Precht schwinden. In einer „Flimmerwelt“ der schnellen Reize entstehe eine solche Haltung kaum noch. Mit der Welt seines Vaters verschwinde deshalb allmählich etwas, das großen Wert gehabt habe und „was künftige Generationen vielleicht nicht mehr kennen werden“.

(jom/spot)

Bild: Richard David Precht hat in seinem Podcast offen über die letzte Zeit mit seinem Vater gesprochen. / Quelle: imago images/HMB-Media / Uwe Koch