In den Nullerjahren sorgten die Kings of Leon dafür, dass irgendwann in jeder durchfeierten Nacht ein betrunkener Skinny-Jeans-Träger den wohl kürzesten Refrain aller Zeiten grölte: „You / Your Sex Is on Fire“. Heute sind die Skinny Jeans längst aus der Mode, die Followill-Brüder Anfang bis Mitte 40 und ihr Leben weniger „Sex on Fire“ als vielmehr gemütliches Chillen am Kaminfeuer.
Auch die Entstehungsgeschichte zum zehnten Album „O My Beloved“ schreit Dad-Rock: Beim Spielen mit seinen Kindern ist der Sänger über die Couch gestürzt, hat sich den Fuß gebrochen und musste eine komplette Europatournee absagen. Die Genesungszeit verbrachte er mit der Akustikgitarre, vermutlich auf der Couch. Es entstanden Songs wie „My Whole World“, inspiriert von einem Familienurlaub oder „Cold Blue Dawn“, in dem er von der Ernüchterung, die mit dem Ruhm einhergeht, erzählt: „Ich hatte mir das anders vorgestellt.“
„Zum ersten Mal vollkommen ehrlich“
Gebettet sind diese persönlichen Texte in gemäßigten Southern Rock, Country-Anklänge und warme Harmonien. Handwerklich ist das einwandfrei. Die Band hat ihre Rastlosigkeit gegen Gelassenheit eingetauscht, ihre einstige Lust am Exzess gegen die Geborgenheit des Familienlebens. Caleb Followill sang einst, als müsse er sich gegen die ganze Welt behaupten. Heute singt er über Familienrezepte, seine Kindheit und die Erkenntnis, dass es die kleinen Dinge im Leben sind. Die Kings of Leon brechen auf diesem Album nicht mehr auf, sie kommen an.
Und trotzdem ist es ein Neuanfang für die Band. Im NME-Interview erklärt Caleb Followill kürzlich, dass er nach dem Tod seiner Mutter 2021 zunächst versucht hatte, seine Trauer zu verdrängen. Er habe sich stattdessen ins Studio und anschließend wieder auf Tour gestürzt. Das hat sich bei diesem Album geändert: „Zum ersten Mal habe ich mir erlaubt, vollkommen ehrlich und verletzlich zu sein.“ Diesmal habe er nicht versucht, sich hinter Effektgeräten und Lautstärke zu verstecken.
Gelassenheit hat seinen Preis
Breitbeinige Rockstarposen und Stadionhymnen zum Mitgrölen sucht man daher vergebens. Das Album klingt warm und reif, manchmal allerdings auch so behaglich, dass ihm die Ecken und Kanten fehlen. Die Songs fließen angenehm dahin, ohne einen besonders lange festzuhalten. Die gewonnene Gelassenheit hat eben ihren Preis.
Während viele Rockbands – und ihre Fans – krampfhaft an ihrem alten Image und Sound festhalten, scheinen die Kings of Leon Inspiration aus ihrer neuen Lebensphase zu ziehen. Und eigentlich gibt es kaum etwas Moderneres und Zeitgeistigeres, das eine Rockband in ihren Vierzigern machen kann.
(mia/spot)
Bild: Dad on Fire: Caleb Followill von den Kings of Leon 2026 auf der Bühne. / Quelle: action press / MediaPunch / BACKGRID