2005 veröffentlichte Bosse sein erstes Album, jetzt erscheint bereits seine zehnte Platte. Auf „Stabile Poesie“ singt er über Geschwisterliebe und vergangene Zeiten, kritisiert aber auch das Handy-Zeitalter und spricht sich gegen digitale Gewalt aus. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erzählt er, warum er sich im Fall Collien Fernandes (44) solidarisch zeigt und welche Verantwortung er bei Männern sieht. Außerdem spricht er über Nostalgie, seinen Songwriting-Prozess und einen Traum, den er sich erst im Alter erfüllen wird.

Hatte „Stabile Poesie“ von Anfang an einen klaren roten Faden oder ist das Album aus einzelnen Geschichten entstanden?

Bosse: Das Album ist handgemacht, analog und roh. Das unterstützt die Texte auf dieser Platte am besten. Ich hoffe „Stabile Poesie“ ist ein vor allem empowerndes Album geworden. Es geht um digitale Gewalt, ums Nach-Vorne-Schauen, Loslassen, um die rennende Zeit und um Commitment. Wie kommt man klar mit diesem mulmigen Grundgefühl in einer Welt voller Kriege und Krisen. Es gibt keinen roten Faden, aber ganz viele Themen, die mir wichtig waren.

In „Nokia“ geht es um Sehnsucht und den Blick zurück. Ist das Nostalgie oder eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Zeit?

Bosse: Es ist vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Zeit. Ich habe „Nokia“ nach „Lass dich nicht ficken“ geschrieben, ein Song gegen digitale und andere Formen von Gewalt. Nachdem eine Freundin von mir einen Shitstorm abbekommen hat, habe ich ihr diesen Song als Unterstützung geschrieben. Viele Betroffene haben zu dem Lied ihre Hass-Kommentare öffentlich gemacht. Ich habe mich in der Zeit täglich mit Deepfakes, Bots und Beschimpfungen gegenüber weiblich gelesenen Personen und marginalisierten Gruppen beschäftigt. Ich habe mit Betroffenen gesprochen und mich mit HateAid weitergebildet. Nach zwei intensiven Monaten in einer Welt voller Hass habe ich als Reaktion darauf „Nokia“ geschrieben. Das Netz ist ein Raum für Ausgrenzung und Demokratiefeindlichkeit und die Algorithmen unterstützen das. Ab und an muss man sich da rausnehmen und mal wieder Gras streicheln.

Sie haben es gerade angesprochen: Deepfakes sind gerade besonders wegen Collien Fernandes ein großes Thema. Auch Sie haben sich dazu positioniert. Warum war Ihnen das wichtig?

Bosse: Ich habe mich solidarisiert, weil es mir wichtig ist, ein Zeichen zu setzen und allen Opfern sexualisierter und digitaler Gewalt zu glauben. Interessant wird aber die Frage, was nach dem großen Aufschrei passiert. Es ist eine entscheidende Zeit. Das Zeichen an die Politik muss sein: Digitale Gewalt muss als reale Gewalt anerkannt werden. Es braucht einfache Wege, solche Taten strafrechtlich zu verfolgen. Aber erstmal geht es um die Akzeptanz, dass digitale Gewalt reale Gewalt ist. Außerdem liegt es an uns Männern, uns zu positionieren, das eigene Umfeld zu hinterfragen, den Mund aufzumachen und Täter nicht zu schützen.

Zurück zu Ihrem Album: „Schwesterherz“ ist eine brüderliche Liebeserklärung an ihre Schwester. Wie hat sie darauf reagiert, als sie den Song gehört hat?

Bosse: Meine Schwester hat das Lied noch gar nicht gehört. Im besten Falle wird sie überrascht, wenn das Album erscheint. „Schwesterherz“ ist entstanden, als ich zu meinem 20-jährigen Karrierejubiläum alte Fotoalben durchgeblättert habe. Ich sah meine Schwester und mich auf Fähren, bei der Einschulung, in miniklein und am Strand, eben eine ganze Kindheit lang. So habe ich das Lied gestartet. Dann habe ich dazu aber noch eine problematische Schwesterbeziehung aus meinem Freundeskreis mit reingetextet und diese zwei Geschichten zu einem Song verbunden.

Wie nah lassen Sie Ihr Umfeld an Ihre Songs heran? Holen Sie sich Feedback oder bleibt das ein sehr persönlicher Prozess?

Bosse: Seit ich denken kann, mache ich alles allein. Ich setze mich hin, schreibe ein Lied, dann noch eins, verwerfe, zweifle und hadere. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem ich mich für Außenmeinungen öffnen muss. Das ist schön, weil ich Menschen um mich habe, die mich und meine Musik sehr gut kennen und auch kritisch sind. Manchmal spiele ich ihnen einfach etwas vor. Ich bin zum Beispiel eng mit dem Chor Hanse Mädchen verbunden und habe ihnen letztens bei einer Probe ein neues Lied gezeigt. So kann ich mir Stück für Stück Feedback einholen. Aber die ersten Meter gehe ich ganz allein.

Ab Mai gehen Sie auf Hallentour, danach spielen Sie auf Festivals. Wie fühlt es sich heute noch an, wenn Sie vor so vielen Menschen stehen?

Bosse: Es fühlt sich immer noch komisch an, vor so vielen Menschen zu spielen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, weil ich so viele Jahre auf kleinen Bühnen gespielt habe. Manchmal sitze ich mit meiner Tourmanagerin, die ich seit der Anfangszeit kenne, morgens auf einer Bühne, wenn LKWs und Busse angefahren kommen. Dann sagt sie zu mir: „Das ist doch komisch, das gehört alles zu uns. Die bauen das alles unseretwegen auf.“ Wir müssen oft lachen, weil das immer noch absurd ist. Gleichzeitig schätze und genieße ich das alles immens. Ich weiß, wie viel Glück ich habe.

Was steht für Sie nach der Tour an?

Bosse: Die letzten eineinhalb Jahre habe ich durchgehend gearbeitet. Das Fatale am Musikmachen ist, dass es sich nie wie Arbeit anfühlt. Deswegen höre ich auch nie auf. Im Moment merke ich aber, dass ich mal auf einen Berg klettern oder mich an einen Strand legen müsste, um das alles zu verarbeiten. Danach dann immer weiter.

Gibt es einen Traum, den Sie sich als Musiker noch nicht erfüllt haben?

Bosse: Ich habe letztens wieder mit einem Orchester gearbeitet und fand das erfrischend. Ich würde gerne mal eine Orchesterplatte verwirklichen, mit Pauken und Trompeten und einer ersten Geigerin, die Stress mit dem Dirigenten hat. Wahrscheinlich erfülle ich mir den Traum aber erst, wenn ich richtig alt bin.

(paf/spot)

Bild: Bosse spricht sich gegen digitale Gewalt aus und sieht Männer in der Pflicht, „den Mund aufzumachen und Täter nicht zu schützen“. / Quelle: Christoph Eisenmenger