Einfach mal liegen bleiben und die Bettdecke über den Kopf ziehen, während sich die Welt draußen im Hamsterrad dreht – klingt eigentlich nach dem ultimativen Luxus. Die Gen Z hat diesem Zustand einen Namen gegeben: „Bed Rotting“. Unter dem Schlagwort findet man auf TikTok und Instagram unzählige Videos, die junge Menschen zeigen, die ganze Tage im Bett verbringen – umgeben von Laptops, Snacks und Hautpflegeprodukten und teilweise mit ausführlichen Routinen und Regeln.
Was oberflächlich wie pure Faulheit wirkt, wird online als gelebte Selbstfürsorge und notwendiger Widerstand gegen eine immer schnelllebigere Leistungsgesellschaft inszeniert. Aber entsteht beim tagelangen Bettliegen wirklich echte Erholung?
Experten sehen den Trend mit gemischten Gefühlen. „In unserer Leistungsgesellschaft erleben zahlreiche Menschen ihren Alltag als sehr dicht und anstrengend. Da entsteht verständlicherweise der Wunsch, sich einfach zurückzuziehen und nichts tun, nicht performen oder abliefern zu müssen“, sagt Psychologin Dr. Hanne Horvath im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news.
Die Dopaminfalle unter der Bettdecke
Doch wer glaubt, dass die bloße Horizontale schon den Akku lädt, könnte enttäuscht werden: Laut der Expertin braucht unser Nervensystem vor allem Phasen, in denen wir mental wirklich abschalten können. Wer stattdessen pausenlos durch Social-Media-Feeds scrollt, setzt sein Gehirn einem Dauerfeuer aus Reizen aus. „Von Entspannung keine Spur“, sagt Horvath, da die Apps so designt sind, dass wir im reaktiven Modus bleiben und nonstop weiterklicken.
Ein entscheidender Unterschied liegt in der Art der Beschäftigung. Während das Smartphone uns in eine Dopaminfalle lockt, hilft das Lesen eines Buchs dabei, die Aufmerksamkeit zu trainieren und gedanklich in eine klare Handlung einzutauchen. Viele Menschen müssen laut Horvath erst wieder lernen, Inhalte langsam und achtsam zu konsumieren, da der ständige Reizwechsel beim Scrollen das Gehirn eher erschöpft als beruhigt.
Wenn das Bett zum „Wach-Ort“ wird
Problematisch wird es vor allem dann, wenn das Bett seine exklusive Funktion verliert. „Unser Gehirn lernt sehr schnell, wofür ein bestimmter Ort steht“, erklärt die Psychologin und Gründerin von HelloBetter. Wer im Bett arbeitet oder streamt, riskiert, dass Körper und Kopf den Schlafmodus nicht mehr finden. Langfristig untergräbt diese Verknüpfung von Wachsein und Liegen die Schlafqualität massiv.
Erholung oder Warnsignal?
Dennoch ist ein Tag des völligen Rückzugs kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Horvath betont, dass Pausen die Voraussetzung für Leistungsfähigkeit sind, nicht die Belohnung. „Mal ein Tag Rückzug und Erholung im Bett, mit der Lieblingsserie, Pizzalieferung und ohne das Haus zu verlassen, ist total okay und manchmal eben notwendig.“
Kritisch wird es erst, wenn das „Verrotten“ zur Routine wird und der Antrieb schwindet. Wer merkt, dass das Aufstehen zunehmend schwerfällt, sollte achtsam sein – „Bed Rotting“ kann laut Horvath auch ein Warnzeichen für tieferliegende psychische Belastungen sein.
Am Ende ist die beste Erholung oft das Gegenteil von dem, was wir im Job tun. Wer den ganzen Tag am Laptop sitzt, findet die wahre Regeneration vielleicht eher beim Sport oder im echten Gespräch mit Freunden – und nicht in der digitalen Endlosschleife unter der Bettdecke.
(ncz/spot)
Bild: Die Gen Z feiert das sogenannte „Bed Rotting“: tagelang im Bett liegen und die Welt ausblenden. Doch der Trend birgt auch Risiken. / Quelle: iStock via Getty Images/Tina Simakova