Janet Jackson hat Brüste. Bis heute scheint dieser Fakt für die Öffentlichkeit die größte Errungenschaft der Künstlerin zu sein, oder muss man noch jemandem erklären, was „Nipplegate“ ist? Natürlich wird diese Herabwürdigung Jacksons Schaffen nicht gerecht, immerhin gehört sie zu den prägendsten Popkünstlerinnen ihrer Generation.
Aus dem Schatten ihrer berühmten Familie trat sie früh heraus. Mit Alben wie „Control“ (1986), „Rhythm Nation 1814“ (1989) und „The Velvet Rope“ (1997) baute sie sich eine künstlerische Identität auf, die ihr allein gehörte. „Rhythm Nation 1814“ katapultierte sie in die Geschichtsbücher: Sieben Singles erreichten die Top 5 der US-Charts, wie der „Guardian“ schreibt – ein Rekord, der bis heute Bestand hat. 1990 spielte sie die erfolgreichste Debüt-Tournee aller Zeiten, 1996 sicherte sie sich einen Plattenvertrag über 80 Millionen Dollar – mehr als ihr Bruder Michael Jackson (1958-2009).
Politischer als die meisten ihrer Zeitgenossinnen
Was Jackson von vielen Kolleginnen unterschied, war nicht nur ihr Gespür für Choreografie und Klang, sondern ihr Mut, unbequeme Themen anzufassen. Auf ihren Alben verhandelte sie schon Ende der 1980er Rassismus, soziale Ungleichheit, Depression, HIV/Aids, häusliche Gewalt und Queerness – für eine Mainstream-Popkünstlerin jener Jahre geradezu radikal. Ihr Einfluss auf nachfolgende Generationen lässt sich kaum überschätzen: Britney Spears, Janelle Monáe und Charli XCX haben sich ausdrücklich auf sie berufen. Das Bild der Popfrau als kontrollierte, aber rebellische Figur – von Rihanna bis Miley Cyrus weiterentwickelt – ist zu einem guten Teil Janet Jacksons Erfindung.
Neben der Musik prägte Jackson auch die visuelle Sprache des Pop nachhaltig. Ihre Clips verbanden strenge, militärisch synchronisierte Choreografien und reduzierte Schwarz-Weiß-Ästhetik mit warmen, intimen Bildwelten – sodass Performance, Politik und Verführung stets zusammenwirkten. Filmische Experimente wie das futuristische Duett „Scream“ mit Bruder Michael oder das collageartige „Got ‚til It’s Gone“ – Arbeiten, die weit über das übliche Musikvideo-Format hinausgingen – kamen hinzu.
Privat suchte Jackson das Glück mehrfach. Nach kurzen Ehen mit Sänger James DeBarge und ihrem langjährigen kreativen Partner René Elizondo Jr. heiratete sie 2012 den Geschäftsmann Wissam Al Mana. 2017 – im Alter von 50 Jahren – brachte sie Sohn Eissa zur Welt. Auch diese Ehe zerbrach kurz nach der Geburt. Seither betont Jackson regelmäßig, wie sehr ihr eine möglichst normale Kindheit für ihren Sohn am Herzen liegt.
Der Auftritt, der alles überschattete
Dann ist da natürlich noch der 1. Februar 2004. Der Super Bowl in Houston, jener Bruchteil einer Sekunde, in dem Justin Timberlake beim gemeinsamen Halftime-Auftritt Jacksons Oberteil aufriss. Bis heute gilt dieser Moment als einer der bekanntesten Popkultur-Skandale überhaupt: Jacksons Name wurde damals für angeblich zwei Jahre zum meistgesuchten Begriff im Netz. Der Moment inspirierte Jawed Karim sogar zur Gründung von YouTube.
Und während alle Welt schamlos geiferte und klickte, sah Jackson sich gezwungen, sich zu entschuldigen für etwas, bei dem sie buchstäblich nicht mal ihre Finger im Spiel hatte – schließlich war es Timberlake, der den Stoff weggerissen hatte. Doch während seine Karriere nach dem Auftritt durch die Decke ging, erholte sich Jacksons nie wieder davon. Wieso lässt sich mit zwei Worten zusammenfassen: Sexismus und Rassismus.
Am heutigen Samstag wird Janet Jackson 60 Jahre alt. Mehr als 20 Jahre nach dem Super Bowl von 2004 bestimmt der Auftritt noch immer nahezu jedes Porträt über sie – vermutlich irgendwann sogar ihren Nachruf. Das sagt allerdings weniger über Janet Jackson aus als über eine Kultur, die Frauen bis heute lieber skandalisiert als ihre Kunst ernst nimmt.
(mia/spot)
Bild: Janet Jackson wird 60. / Quelle: LISA OConnor/AFF/ABACAPRESS/ddp images