Ein Gefühl begleitet viele Eltern fast dauerhaft im Alltag: das schlechte Gewissen, nicht genug zu tun – nicht genug präsent zu sein, nicht genug zu leisten, nicht genug zu geben. Besonders häufig trifft es Mütter. Laut einer Studie fühlt sich etwa jede vierte Mutter in Deutschland regelmäßig schuldig, weil sie glaubt, ihren Kindern nicht gerecht zu werden. Bei jüngeren Müttern unter 35 ist es sogar fast jede zweite.
Die englische Sprache hat einen Begriff dafür geprägt: „Mom Guilt“. Gemeint ist das anhaltende innere Gefühl, ständig hinter den eigenen Ansprüchen zurückzubleiben – unabhängig davon, wie viel tatsächlich geleistet wird. Für viele Frauen wird daraus ein dauerhafter Begleiter im Alltag, der kaum Pausen zulässt.
Dauerhafter Druck zwischen Anspruch und Realität
Mom Guilt entsteht selten aus einzelnen Situationen, sondern aus einer permanenten Überforderung zwischen Erwartungen und Realität. Mütter sollen emotional präsent für ihre Kinder sein, im Beruf funktionieren und gleichzeitig den Großteil der Haushalts- und Organisationsarbeit stemmen. Diese gleichzeitigen Anforderungen führen bei vielen zu dem Gefühl, nie allen Bereichen wirklich gerecht zu werden.
Hinzu kommt ein gesellschaftliches Idealbild, das kaum Spielraum lässt. Besonders in sozialen Medien wird ein scheinbar harmonischer Familienalltag gezeigt: kreative Kindergeburtstage, entspanntes Backen mit den Kindern, perfekt strukturierte Routinen. Was dabei kaum sichtbar wird, sind Erschöpfung, Zeitdruck oder die Realität hinter diesen Momenten.
Woher das schlechte Gewissen kommt
Die Psychologin Dr. Hanne Horvath sieht die Wurzeln von Mom Guilt tief in gesellschaftlichen Strukturen. Historisch sei Muttersein lange als zentrale Lebensaufgabe definiert worden, verbunden mit der Erwartung, für Fürsorge und Organisation hauptsächlich allein verantwortlich zu sein, erklärt sie im Interview mit spot on news.
Heute trifft dieses Rollenbild auf eine Gegenwart, in der Frauen gleichzeitig beruflich erfolgreich sein sollen. Dazu habe sich laut Horvath eine „intensive Parenting“-Kultur entwickelt, in der Kinder dauerhaft gefördert, begleitet und optimiert werden sollen. Das Ergebnis sei ein kaum erfüllbares Ideal von permanenter Präsenz und perfekter Elternschaft.
Ein zusätzlicher Verstärker sei der soziale Vergleich. Kuratierte Darstellungen von Familienleben in sozialen Netzwerken könnten den Eindruck erzeugen, andere würden alles mühelos schaffen – während der eigene Alltag als unzureichend empfunden wird.
Care-Arbeit als Faktor
Ein zentraler Faktor ist außerdem die Verteilung von Care-Arbeit. Wenn Mütter den Großteil der organisatorischen und emotionalen Verantwortung tragen, entsteht schnell das Gefühl, allein für das Gelingen des Familienlebens zuständig zu sein. Dr. Horvath betont deshalb, dass eine gleichberechtigte Aufteilung entscheidend ist – nicht nur bei praktischen Aufgaben, sondern auch bei Planung und Entscheidungsfindung.
Wege aus der Schuldspirale
Ansätze zur Entlastung beginnen im Alltag. Laut Dr. Hanne Horvath hilft es, den eigenen Perfektionsanspruch bewusst zu senken und den Tag auf wenige realistische Prioritäten zu reduzieren, statt sich in endlosen Erwartungen zu verlieren.
Ein einfaches, aber wirksames Mittel kann zudem sein, täglich drei gelungene Momente oder erledigte Aufgaben festzuhalten. Das verschiebt den Fokus weg vom Gefühl des Mangels hin zu dem, was bereits funktioniert, und stärkt die Selbstwahrnehmung.
Zentral bleibt jedoch die geteilte Verantwortung innerhalb der Familie. „Entlastung entsteht nicht allein durch Selbstfürsorge, sondern durch verlässliche Co-Verantwortung“, lässt sich Horvaths Ansatz zusammenfassen. Wenn beide Eltern sowohl Aufgaben als auch Entscheidungen gemeinsam tragen, kann der innere Druck deutlich sinken.
Kommt es dennoch zu Überforderung, hilft laut Experten ein Perspektivwechsel: weniger Selbstkritik, mehr Blick auf konkrete Bedingungen im Alltag. So wird Mom Guilt weniger zu einem persönlichen Problem – und stärker zu einem Hinweis darauf, wo Strukturen und Unterstützung fehlen.
(ncz/spot)
Bild: Jede vierte Mutter fühlt sich schuldig, nicht genug zu geben. / Quelle: Jun/iStock via Getty Images