Essen passiert heute oft nebenbei – zwischen Terminen, vor dem Bildschirm oder mit dem Smartphone in der Hand. Die Mahlzeit wird zur Nebensache – und verliert damit an Geschmack, sagt die Designerin Marije Vogelzang am Rande der Munich Creative Business Week im Gespräch mit spot on news. Die Niederländerin gilt als eine der Pionierinnen des Food Designs. Im Interview erklärt sie, wie sich Essgewohnheiten mit einfachen Mitteln verändern lassen.

Was bedeutet „Food Design“ – wie würden Sie das jemandem erklären, der den Begriff noch nie gehört hat?

Marije Vogelzang: Food Design bedeutet, dass ich gestalte, wie wir Essen erleben. Das kann das Essen selbst sein, aber auch alles drumherum. Die meisten Menschen denken, Geschmack sitzt im Gericht. Aber Geschmack ist eher wie eine Geschichte – geprägt von Kontext, Erinnerungen, Erwartungen und sogar von Farben.

Ich habe zum Beispiel einmal ein komplett weißes „Funeral Dinner“ gestaltet. In manchen Kulturen ist Weiß die Farbe der Trauer. Alles war weiß: das Essen, die Kleidung, der Tisch. Die Gäste haben mit den Händen gegessen, was hilft, wieder eine Verbindung zum eigenen Körper herzustellen – etwas, das in Trauersituationen oft verloren geht.

Oder ein anderes Beispiel: eine Verkostung von Leitungswasser. Viele glauben, Wasser habe keinen Geschmack – bis man verschiedene Sorten nebeneinander probiert. Plötzlich wird deutlich, wie unterschiedlich sie sind. Manchmal gestalte ich also das, was auf dem Teller liegt. Manchmal die Situation drumherum. Aber immer geht es darum, wie Essen erlebt wird.

Wie stark beeinflussen Präsentation, Umgebung und Atmosphäre, wie etwas schmeckt?

Vogelzang: Sehr stark – fast schon unangenehm stark. Das Gehirn schmeckt vor dem Mund. Das Gewicht eines Löffels, die Farbe eines Tellers oder die Geräusche im Raum beeinflussen, wie wir etwas wahrnehmen. Man kann dasselbe Gericht zweimal servieren und nur den Kontext verändern – und die meisten Menschen würden sagen, es schmeckt unterschiedlich. Denn in gewisser Weise tut es das auch. Geschmack ist nicht objektiv, sondern entsteht im Zusammenspiel zwischen Umwelt und Wahrnehmung.

Viele Menschen essen heute nebenbei – was geht dabei verloren?

Vogelzang: Der Moment, in dem Essen überhaupt passiert. Essen wird zu Hintergrundrauschen statt zu einem Erlebnis. Es ist, als würde man einen Film schauen und gleichzeitig die Untertitel eines anderen Films lesen – man verpasst beides. Vor allem geht das Bewusstsein verloren: dafür, was man isst, wie viel, wie es sich anfühlt und woher es kommt. Es geht nicht nur um Genuss, sondern auch um Verbindung – zum eigenen Körper und zur Umgebung.

Was hilft, um Mahlzeiten im Alltag bewusster zu erleben?

Vogelzang: Es geht nicht darum, das Essen zu verbessern, sondern das eigene Gehirn ein Stück weit auszutricksen. Wir essen oft im Autopilot: gleicher Teller, gleiche Bewegungen, gleiche Gedanken. Das Gehirn wird gelangweilt und registriert kaum noch, was passiert. Deshalb hilft es, Muster zu durchbrechen.

Was können solche kleinen Veränderungen konkret sein?

Vogelzang: Zum Beispiel mit der nicht-dominanten Hand essen. Dadurch muss das Gehirn wieder aktiv werden, man wird langsamer und aufmerksamer. Oder sich vorstellen, jemand anderes zu sein – ein König, ein Kind oder ein sehr strenger Restaurantkritiker. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, verändert aber die Wahrnehmung.

Auch kleine Veränderungen am Teller können helfen. In einem meiner Projekte habe ich Objekte entwickelt, die auf dem Teller platziert werden und ihn voller erscheinen lassen. Das Gehirn nimmt dann mehr Fülle wahr, auch wenn die Portion kleiner ist. Solche kleinen Irritationen holen einen zurück in den Moment.

Warum bleiben manche Mahlzeiten lange im Gedächtnis – andere nicht?

Vogelzang: Weil es nie nur um das Essen selbst geht. Erinnerungen entstehen durch Spannung, Überraschung oder emotionale Momente. Ein Gespräch, das etwas verändert hat. Eine besondere Situation. Ein Moment, in dem man wirklich präsent war. Viele Mahlzeiten sind dagegen sehr vorhersehbar – und bleiben deshalb nicht in Erinnerung. Erinnerungen brauchen einen Anknüpfungspunkt.

Verändert sich gerade, wie wir über Essen denken?

Vogelzang: Ja, aber in unterschiedliche Richtungen gleichzeitig. Einerseits wird Essen immer funktionaler und effizienter gedacht. Andererseits wächst das Bedürfnis nach Bedeutung, Ritual und Verbindung. Beides existiert parallel. Außerdem sind viele Themen rund um Ernährung inzwischen stark aufgeladen und werden emotional diskutiert.

Was ist ein einfacher Schritt für alle, die wieder bewusster essen möchten?

Vogelzang: Vergleichen. Zwei ähnliche Lebensmittel nebeneinander zu probieren – etwa zwei Apfelsorten oder zwei Brote – schärft die Wahrnehmung. Erst im Vergleich werden Unterschiede wirklich deutlich. Es geht nicht um Komplexität, sondern darum, Unterschiede wahrzunehmen und neugierig zu sein.

Was macht für sie eine perfekte Mahlzeit aus?

Vogelzang: Eine perfekte Mahlzeit ist eine, bei der niemand auf sein Smartphone schaut. Ein Moment, in dem sich Zeit ein wenig anders anfühlt. In dem etwas Unerwartetes passiert. Und in dem man ganz präsent ist.

(ncz/spot)

Bild: Essen passiert heute oft nebenbei – das sollte es aber nicht. / Quelle: BartekSzewczyk/iStock via Getty Images