Der Internationale Frauentag am 8. März steht ganz im Zeichen der Gleichberechtigung. Für Natascha Wegelin beginnt echte Selbstbestimmung nicht erst beim öffentlichen Protest, sondern bereits auf dem eigenen Bankkonto. In ihrem neuen Buch „Die Krise liebt Frauen wie dich“ (Heyne) zeigt die Gründerin von „Madame Moneypenny“, warum finanzielle Resilienz gerade für Frauen die ultimative Exit-Option aus toxischen Strukturen und Abhängigkeiten ist.
Gerade in Zeiten von Inflation und geopolitischen Spannungen sind Frauen oft existenzieller von Krisen betroffen, weshalb finanzielle Widerstandsfähigkeit heute wichtiger ist denn je. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt sie, wie aus dem Kassensturz ein Akt der Rebellion wird und warum wir aufhören müssen, die Verantwortung für unser Geld abzugeben.
Am 8. März sprechen wir viel über Gleichberechtigung. Warum ist finanzielle Resilienz für Sie die ultimative Form von echter Selbstbestimmung für Frauen?
Natascha Wegelin: Weil Gleichberechtigung ohne ökonomische Unabhängigkeit eine Illusion ist. Wer finanziell abhängig ist, hat keine echten Exit-Optionen, weder im Job noch in Beziehungen oder Lebensentscheidungen. Zum Beispiel hat mir bei unserem Meet-and-Greet kürzlich eine Frau erzählt, dass sie durch neu gewonnene finanzielle Selbstbestimmtheit und den Rückhalt aus unserer Community endlich den Mut gefunden hat, sich aus ihrer toxischen Beziehung zu befreien.
Solche Geschichten sind für uns immer ein unglaublicher Motivator. Denn finanzielle Resilienz bedeutet, handlungsfähig zu bleiben, um Krisen nicht nur auszuhalten, sondern sie aktiv zu nutzen und an ihnen wachsen zu können. Wahre Selbstbestimmung beginnt auf dem eigenen Konto und nicht auf dem Plakat am Weltfrauentag.
Viele Frauen fühlen sich von der Komplexität der Finanzwelt erschlagen. Welchen simplen Schritt kann jede Frau heute noch tun, um sich finanziell besser aufzustellen?
Wegelin: Die eigenen Zahlen kennen, also zu verstehen: Was kommt rein? Was geht raus? Wie hoch sind meine Fixkosten? Und welche Rücklagen habe ich?
Komplexität ist oft nur ein Werkzeug des Patriarchats und Frauen wurden so sozialisiert, dass sie Geldverantwortung primär abgeben oder sich „nicht zuständig“ fühlen sollen. Dieses Gefühl von Ohnmacht ist erlernt und damit auch wieder veränderbar. Klarheit über die eigenen Finanzen zu bekommen, ist dabei der erste Akt der Selbstbestimmung.
Viele scheuen das Thema Finanzen in der Beziehung – wie fängt man ein Gespräch über faire finanzielle Aufteilung an, ohne dass es sich nach Misstrauen anfühlt?
Wegelin: Indem man klarmacht, dass es nicht um Misstrauen geht, sondern um Transparenz. Finanzielle Selbstständigkeit ist kein Angriff auf die Beziehung, sondern eine Stabilisierung. Es muss dabei klar sein, dass Transparenz beide schützt.
Aus unserer Erfahrung entstehen dadurch oft auch überraschend offene und schöne Gespräche, die weit über das Thema Finanzen hinausgehen. Viele Frauen berichten, dass sie entgegen der allgemeinen Erwartung auf sehr gesprächsbereite Partner stoßen, die sich des finanziellen Ungleichgewichts einfach gar nicht so bewusst waren. Das zeigt, wie toll Klarheit und Transparenz im Umkehrschluss auch Nähe statt Distanz schaffen können.
Oft übernehmen Frauen die Care-Arbeit ganz selbstverständlich, während der Partner Vollzeit arbeitet – wie sieht für Sie ein faires finanzielles Ausgleichsmodell innerhalb einer Beziehung aus?
Wegelin: Care-Arbeit ist kein privates Hobby, sondern eine ökonomische Leistung. Genau so muss sie auch bewertet werden. Fair ist ein Modell, das die langfristigen Konsequenzen sichtbar macht: Rentenlücken, Vermögensaufbau, Karriereentwicklung. Das kann durch Ausgleichszahlungen, zusätzliche Altersvorsorge oder gemeinschaftlichen Vermögensaufbau geschehen. Entscheidend ist: Wer Erwerbszeit reduziert, darf nicht dauerhaft Vermögenszeit verlieren. Sonst wird ein strukturelles Problem zur privaten Bürde.
In Krisenzeiten wird oft zum Notgroschen geraten. Wie groß sollte dieser Puffer Ihrer Meinung nach sein, damit man nachts wirklich ruhig schlafen kann?
Wegelin: Mindestens drei bis sechs Monatsgehälter. In unsicheren Zeiten eher sechs bis zwölf. Aber wichtiger als die Zahl ist die Wirkung: Rücklagen schaffen Zeit. Und Zeit ist in Krisen die wertvollste Ressource. Denn wer Zeit hat, muss nicht panisch verkaufen, kündigen oder Entscheidungen aus Angst treffen, sondern kann weiterhin strategische und gut überlegte Entscheidungen treffen und somit an Krisen sogar wachsen und im besten Fall das eigene Vermögen gleich mit.

Wenn man sich bereits mitten in einer persönlichen oder wirtschaftlichen Krise befindet, wie fängt man dann am besten an, sich finanziell wiederaufzurichten?
Wegelin: Indem man aufhört zu warten, dass der Sturm vorbeizieht: Krisen sind kein Ausnahmezustand, sondern ein permanenter Kontext moderner Lebensrealitäten.
Zahlen werden in der Krise unscharf und man muss deshalb kleine, kontrollierbare Schritte gehen, um von der Ohnmacht wieder in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Das Stichwort heißt hier „radikale Akzeptanz“: also ein gnadenloser Kassensturz und sich eine Übersicht über die eigenen Zahlen verschaffen. Resilienz entsteht nicht durch große Moves, sondern durch wiedergewonnene Handlungshoheit. Aus „Ich bin ausgeliefert“ wird so „Ich habe Optionen“.
Wenn eine Frau heute bei Null anfängt, wo kann sie mit Ihrem System in genau einem Jahr stehen?
Wegelin: Wer heute bei Null anfängt, kann seine Lebensrealität innerhalb von einem Jahr grundlegend verändern. Bestenfalls hat sie einen klaren Überblick über ihre Finanzen und versteht genau, was reinkommt und was rausgeht. Sie weiß genau, wie groß ihre Rentenlücke ist, und hat auch schon einen Notgroschen aufgebaut. Vielleicht hat sie sogar schon eine eigene Investmentstrategie, um ihr Einkommen zu steigern. Eine Alumna erzählte mir zum Beispiel kürzlich, dass sie nach fünf Jahren Investment bereits ihr 10-Jahresziel erreicht hat und in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich Millionärin wird. Das ist natürlich nicht das Ziel, aber es zeigt klar, was alles möglich ist.
Vor allem aber, hat man innerhalb von einem Jahr klares Ownership übernommen und statt nur zu reagieren, weiß man genau, wie man aktiv seine Finanzen selbst gestalten kann. Heißt: Man hat die radikale Eigenverantwortung für die eigenen Finanzen übernommen und gibt Geldfragen nicht mehr an andere ab – man ist nicht mehr abhängig, sondern selbstbestimmt und resilient.
(ncz/spot)
Bild: Finanzielle Unabhängigkeit kann für Frauen der Schlüssel zur Freiheit sein. / Quelle: iStock via Getty Images/PeopleImages