Die Schuhgröße steht groß auf dem Karton, doch sie verrät nur die halbe Wahrheit. Denn während die Zahl lediglich die Länge eines Schuhs beschreibt, unterscheiden sich Füße gleicher Länge teils erheblich – in Breite, Volumen, Spannhöhe und Vorfußform. Das zugrundeliegende Problem ist: Schuhe werden als Massenware produziert, Füße hingegen sind individuell. Eine unternehmensinterne Auswertung von Schuhcenter auf Basis von 3D-Fußanalysen dokumentiert, wie groß die Streuungen innerhalb identischer Längenklassen tatsächlich sind.

Eine internationale Übersichtsarbeit im „Journal of Foot and Ankle Research“ kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Ein erheblicher Anteil der untersuchten Erwachsenen trug Schuhe, die weder in Länge noch in Breite korrekt passten. Die Folgen reichten von Fußschmerzen über Druckstellen bis zu funktionellen Beschwerden.

Vor allem der Vorfuß entscheidet

Viele Passformprobleme entstehen nicht an der Ferse, sondern im Ballen- und Zehenbereich. Zu schmale Zehenboxen oder unzureichende Schuhbreiten erhöhen den Druck im sogenannten Vorfuß – und können bestehende Fehlstellungen wie den Ballenzeh (Hallux valgus) verschlechtern. Die Schuhcenter-Auswertung betont ausdrücklich: Eine größere Schuhgröße löst Breitenprobleme nicht zuverlässig. Wer also bei Druckstellen einfach eine Nummer größer kauft, sitzt einem weit verbreiteten Irrtum auf – und läuft in zu großen und trotzdem zu engen Schuhen herum.

Auch der klassische „Daumentest“ – bei dem zwischen Zeh und Schuhspitze ein Daumen Platz haben soll – ist laut der Auswertung kein verlässlicher Indikator. Er berücksichtigt weder die individuelle Fußform noch Breite, Volumen oder dynamische Veränderungen des Fußes beim Gehen.

Füße sind keine starren Gebilde

Was viele nicht wissen: Der Fuß verändert sich im Laufe eines Tages messbar. Belastung, Temperatur und Körperhaltung beeinflussen Volumen und Umfang. Wer morgens im Sitzen Schuhe anprobiert, unterschätzt daher häufig den tatsächlichen Platzbedarf. Die Auswertung empfiehlt deshalb, Schuhe im Stehen und am Nachmittag oder Abend zu testen – idealerweise nach einem typischen Belastungstag.

Experimentelle Untersuchungen bestätigen: Bereits nach moderater Gehbelastung vergrößert sich das Fußvolumen spürbar. Realistische Messbedingungen – inklusive der Socken, die später im Schuh getragen werden – erhöhen die Aussagekraft und senken das Risiko eines Fehlkaufs.

Wann trage ich diesen Schuh – und wann nicht?

Probleme mit der falschen Passform treten laut der Auswertung besonders dann auf, wenn Schuhe außerhalb ihres vorgesehenen Nutzungskontexts getragen werden – etwa bei längeren Gehstrecken oder ganztägigem Tragen. Ein Schuh, der für moderate Belastung zum Beispiel im Büroalltag ausgelegt ist, kann beim Dauereinsatz auf einem Ausflug oder beim Shoppen schnell unbequem werden. Alltagsschuh, Sportschuh oder Winterstiefel stellen jeweils unterschiedliche Anforderungen an Passform und Volumen.

Größentabellen führen in die Irre

EU-, UK-, US-Systeme beruhen auf unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen. Die internationale Industrienorm ISO 19407 weist darauf hin, dass Umrechnungstabellen keine verlässliche Aussage über die tatsächliche Passform erlauben. Nur das – vor allem bei Skischuhen verwendete – Mondopoint-System wurde durch die ISO-Norm definiert und berücksichtigt die Millimeter für Fußlänge und -breite, alle anderen Systeme liefern lediglich Näherungswerte. Hinzu kommt, dass jeder Hersteller eigene Schuhformen verwendet. Die sogenannte Leistenform definiert, wie viel Raum der Schuh im Zehen-, Mittel- und Spannbereich bietet und variiert zwischen Marken teils deutlich. Dass dieselbe Größe je nach Marke unterschiedlich sitzt, ist daher systembedingt und kein Qualitätsmangel.

Der Mythos vom Einlaufen

Ein besonders hartnäckiger Irrtum hält sich beharrlich: dass sich ein enger Schuh durch Tragen anpassen werde. Materialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch übereinstimmend, dass sich Schuhe im Trageverlauf nicht beliebig an den Fuß anpassen. Zwar können Obermaterialien weicher werden oder sich geringfügig setzen, doch die durch die Bauweise festgelegten Maße – insbesondere Länge und Breite – bleiben weitgehend stabil. Ein Schuh, der von Anfang an drückt, wird durch „Einlaufen“ in aller Regel nicht passend.

Fazit: vorher messen und dann probetragen

Am Ende bleibt beim Kauf im Schuhgeschäft vor allem auszuprobieren – wie gesagt am besten nachmittags im Stehen und Gehen – und sich vorher zu überlegen, zu welchem Zweck die Schuhe getragen werden sollen. Wer online bestellt, kann das natürlich nicht. Klassisch die Fußlänge und -breite messen kann man natürlich auf einem weißen Blatt Papier, auf das man die Füße stellt. Mittlerweile gibt es aber auch zahlreiche Apps und Tools wie Myshoefitter, Feetsizr oder Feetmeter, die versprechen, die Maße und teilweise auch Volumen und Form der Füße zu erkennen. Allerdings muss dann auch der Onlineshop entsprechend Informationen zur Verfügung stellen, um sie mit den Messergebnissen abzugleichen.

(jmk/spot)

Bild: Die Auswahl ist groß, aber nur wenige Schuhe passen perfekt. / Quelle: iStock via GettyImages/Vladislav Stepanov