Es ist kein Wunder, dass wir uns immer schlechter konzentrieren können. In Momenten der Ruhe nutzen wir Bildschirme, um Langeweile, Angst oder Einsamkeit zu entfliehen. Diese ständige Jagd nach Neuem hat unser Gehirn darauf konditioniert, bei der kleinsten Hürde abzuschweifen. Doch das Gute: Aufmerksamkeit ist eine erlernte Gewohnheit. Wer sie verloren hat, kann sie mit der richtigen Strategie zurückholen.

Schritt 1: Das Aufmerksamkeits-Audit

Die meisten Menschen unterschätzen massiv, wie oft sie zum Handy greifen oder ihre Gedanken abschweifen. Der erste Schritt zur Besserung ist die Bestandsaufnahme. Bei der nächsten Aufgabe Protokoll führen: Jedes Mal einen Strich machen, wenn die Aufmerksamkeit abwandert – egal ob durch eine Benachrichtigung oder einen inneren Impuls. Dann den Auslöser notieren.

Einen Tag lang stündlich bei sich selbst einchecken: Wie gut war mein Fokus in den letzten 60 Minuten? Wann bin ich abgeschweift oder habe mich einfacher ablenken lassen? So lassen sich die natürlichen Hochs und Tiefs im Tagesverlauf erkennen.

Die „Langzeit-Analyse“: Es lohnt sich, dieses Audit über eine ganze Woche durchzuziehen. So lassen sich die „üblichen Verdächtigen“ unter den Ablenkungen richtig identifizieren.

Schritt 2: Reibung erzeugen und Pausen planen

Man muss nicht direkt das Smartphone gegen ein altes Tastenhandy eintauschen. Oft sind es kleine Hürden, die den Automatismus durchbrechen. Zum Beispiel in Form einer Barriere: Deaktivieren Sie die Gesichtserkennung oder den Fingerabdrucksensor am Handy und tippen Sie stattdessen Passwörter manuell ein. Oder man loggt sich nach jeder Social-Media-Sitzung aus. Dieser kurze Moment der bewussten Anstrengung verwandelt einen Reflex zurück in eine bewusste Entscheidung.

Auch Sperren oder Zeitlimits für einzelne Apps können hier helfen. Zudem gibt es verschiedene Apps, die helfen, die Bildschirmzeit zu reduzieren und damit die Aufmerksamkeit zu steigern: In der App „Focus Friend“ strickt eine kleine Bohne Socken. Geht man ans Handy, verliert sie die Socken und wird traurig. Bei der App „Steppin“ muss man Schritte sammeln, um Bildschirmzeit zu erarbeiten. Die App „one sec“ stoppt beim Öffnen von Apps für einen Atemzug, um zu überlegen, ob man sie wirklich öffnen will.

Der Drang, zum Handy zu greifen, ist oft ein Zeichen für ein erschöpftes Gehirn. Besser ist es, das Scrollen durch eine „echte Pause“ zu ersetzen: Dehnen, ein Glas Wasser trinken oder mit einem Stressball spielen. Das ist zielgerichtet und zeitlich begrenzt.

Wenn man eine Aufgabe unterbrechen muss, etwa wegen eines Meetings oder der Mittagspause, hilft es, aufzuschreiben, was man bereits geschafft hat und was der nächste Schritt ist. Das schließt das „offene Fenster“ im Kopf und verhindert, dass das Gehirn während der Unterbrechung heimlich weiter an der Aufgabe grübelt.

Schritt 3: Das Gehirn auf Ausdauer trimmen

Um die Aufmerksamkeitsspanne nachhaltig zu verlängern, benötigt das Gehirn Phasen ohne jegliche Stimulation. Gut in den Alltag integrieren lässt sich etwa eine Mahlzeit am Tag ohne Podcast, Video, Spiel oder Chat. Oder beim Einkaufen oder Joggen die Kopfhörer bewusst zu Hause lassen. Stille ist das beste Regenerationsmittel für unseren Fokus.

Eine Studie der University of Chicago zeigt, dass ein 50-minütiger Spaziergang in der Natur die Aufmerksamkeitsleistung um fast 20 Minuten steigern kann. Grünflächen helfen dem Gehirn, seine Ressourcen wieder aufzufüllen.

Achtsamkeit bedeutet nicht gleich Esoterik oder stundenlanges Meditieren. Es reicht, die Aufmerksamkeit bei einer alltäglichen Aufgabe (Wäschefalten, Kaffeetrinken etc.) ganz bewusst auf die haptischen Eindrücke zu lenken. Wenn die Gedanken wandern: registrieren und sanft zurückholen. Das ist Krafttraining für den Fokus-Muskel.

Besonders wichtig: Aufmerksamkeit ist ein Marathon, kein Sprint. Daher sollte man keine Perfektion von heute auf morgen anstreben. Wer heute nur fünf Minuten länger bei einer Sache bleibt als gestern, hat bereits gewonnen.

(ncz/spot)

Bild: Durch unser Smartphone sind wir in vielen Lebenslagen schnell abgelenkt. / Quelle: iStock via Getty Images/stockphotodirectors